Medientipps

Empfehlung 2022

{#Shalev 2}   Zeruya Shalev: Schicksal

Die bekannte israelische Autorin erzählt in ihrem neusten Buch eine bedrückende Familiengeschichte.

Atara nimmt nach dem Tod ihres Vaters, zu dem sie immer ein zwiespältiges Verhältnis hatte, Kontakt zu dessen ersten Frau auf, über die nie gesprochen werden durfte. Von ihr, Rachel, erfährt Atara, dass ihr Vater deren große Liebe war. Gemeinsam haben die beiden in der Lechi (deutsch ‚Kämpfer der Freiheit Israels‘), einer radikal-zionistische, paramilitärische Untergrundorganisation, in Palästina gekämpft. Die Lechi führte terroristische Anschläge durch, die sich gegen die Briten richteten. So hat sich Rachel z.B. mit einer Puppe voll Sprengstoff in einem Kinderwagen den britischen Soldaten genähert, die dann bei der Explosion ihr Leben verloren.

Nach einem dramatischen Ereignis wendet sich Ataras Vater ganz plötzlich von Rachel ab und lässt sie nach nur einem Jahr Ehe nicht mehr an sich heran. Er heiratet ein zweites Mal, bekommt mit seiner zweiten Frau zwei Mädchen und wird ein bekannter Professor.

Atara gelingt es, Zugang zu Rachel zu finden, dabei vergisst sie jedoch, wie sehr ihre eigene Familie sie braucht. Da ist der Sohn, ein Elitesoldat, der mit dem Leben nicht zurechtkommt, ihr zweiter Mann Alex, mit dem sie immer leichter in Streit gerät und ihre Tochter aus erster Ehe, die immer ein ganz besonderes Verhältnis zum Mutter hatte und ihr jetzt wichtige Dinge verschweigt,

Manchmal möchte man die Personen schütteln, damit sie endlich sehen, in welche Verstrickungen sie sich begeben und als Leser möchte man, dass sie endlich ihre Eigensucht in den Griff bekommren. Keine Figur ist wirklich sympathisch und doch liest sich das Buch sehr gut und es kann die Spannung halten. Zeruya Shalev ist ein Erzähltalent.!

Nur das Ende lässt uns dann doch ein bisschen ratlos zurück, zu viele Dinge sind nicht geklärt. Aber wahrscheinlich ist gerade das die Absicht der Autorin, sie will uns zum Nachdenken, und zum Nachschlagen der Fakten anregen.

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Empfehlung 2021

{#Nachtstimmer 2}  Maarten ‘t Hart: Der Nachtstimmer

Der neue Roman des bekanntesten niederländischen Gegenwartsautors ist eine Hommage an den Orgelbau. Im Dezember 2017 hat der zwischenstaatliche Ausschuss der UNESCO Orgelbau und Orgelmusik als immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt.

Maarten ‘t Hart siedelt seinen Roman in einer kleinen Hafenstadt in Südholland an. Die Menschen dort sind sehr skurril, misstrauisch gegen jeden Fremden und zum Teil sehr klerikal. Der Orgelstimmer Gabriel Pottjewijd soll hier eine der berühmten Garrel-Orgeln stimmen. Da sich eine Schiffswerft in der Nähe der Kirche befindet, ist der Lärm tagsüber so laut, dass er das Stimmen auf die Nacht und die frühen Morgenstunden legen muss.

Unterstützt wird er beim Stimmen durch Lanna, ein autistisches Mädchen, das von der Bevölkerung als debil eingeschätzt wird. Sie verweigert jedes Wort in niederländischer Sprache, wiewohl sie diese sehr gut beherrscht. Sehr viel besser als ihre Mutter, die bildschöne Witwe eines Schiffskapitäns, die allen Männer des Ortes den Kopf verdreht, aber keinen an sich heranlässt.  

Gabriel Pottjewijd gelingt es, ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. Doch das ist nicht allen Ortsansässigen genehm und so beginnt ein kleiner Krimi als Nebenhandlung.

Maarten ‘t Hart kennt sich mit seiner Materie bestens aus, er liebt die Musik, Orgeln sind ihm ebenso vertraut wie die Bibelverse, die er zum Teil sehr kritisch beäugt. Auch wenn er manchmal etwas ausführlicher auf das Stimmen der Orgel eingeht, liest sich der Roman sehr spannend und man kann ihn nicht aus der Hand legen.

SB

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Empfehlung 2021

 

{#Monschau}Kopetzky, Steffen: Monschau

Wir schreiben das Jahr 1962. Die Pocken sind in Deutschland besiegt, da kommt es zu einem zu einem Aufleben in dem kleinen Örtchen Lammerdorf im Kreis Monschau zu einem neuen Fall. Ein 9jähriges Mädchen eines Monteurs, der aus Indien zurückgekehrt ist, erkrankt schwer. an den Schwarzen Pocken. Die Weltgesundheitsorganisation erklärte den Landkreis Monschau zum "Internationalen Infektionsgebiet". Die ganze Region um Aachen wird so zum Ausnahmegebiet, ganze Ortschaften werden abgeriegelt, es bestehen Ausgangsverbot, ganze Familien müssen wochenlang in Quarantäne.

Die Situation kommt uns bekannt vor. Steffen Kopetzky hat die damalige Gemengelage für uns in seinem Roman „Monschau“ eingefangen. Er orientiert sich stark an den Tatsachen und bindet sie in eine leise Liebesgeschichte ein. Nachkriegsdeutschland, Wirtschaftswunder, Altnazis, die noch immer an entscheidenden Stellen sitzen, Ärzte und Klinikpersonal, das bis an seine Grenzen geht    all dies wird stimmig in die Geschichte eingearbeitet.

An einigen Stellen erkennt man, wie nah der Roman an unsere Situation anknüpft. Unglückliche Umstände, Fehleischätzungen, behördliches und menschliches Versagen und Leichtfertigkeit stehen auf der einen Seite, mutiger und selbstloser Einsatz, Durchsetzung unpopulärer Maßnahmen auf der anderen.

Nur der Schluss des Romans ist zu abrupt. Es scheint, als hätte der Autor Probleme mit der Zusammenführung der Erzählstränge und rettet sich in einen Epilog, der dann in fast aufzählender Form die Schicksale der Protagonisten vor uns ausbreitet.

Insgesamt ein lesenswerter, an manchen Stellen auch anrührender Roman. Liebe lässt sich auch von schwierigsten Bedingungen nicht entmutigen.

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Empfehlung 2021

{#Herzfaden2}Thomas Hettche: Herzfaden 

Alle Mamis sagen immer Kindlein gib schön acht. Blaib schön braf in deinem Zimmer und schlaf gute nacht ...“ Wer erinnert sich nicht an „Urmeli“, an die Blechbüchsenarmee oder den Kater Mikesch in der Augsburger Puppenkiste? Der neue Roman von Thomas Hettche greift die Geschichte der Augsburger Puppenkiste auf. Eingebunden in die fantastische Geschichte eines 12jährigen Mädchens, das auf einem verwunschenen Speicher die lebendig gewordenen Puppen und ihre Schnitzerin Hatü findet.

Hettche erzählt von den ersten Anfängen der Puppenkiste im 2. Weltkrieg bis hin zu den ersten Aufnahmen fürs Fernsehen.

Im Mittelpunkt des Romans steht Hatü (Hannelore Marschall), die Tochter des Gründers und Schauspielers Walter Öhmichen. Ihre Kindheit und Jugend in Augsburg, ihre Eingebundenheit in die Familie, aber auch die Gräuel der Naziverfolgung, die schwere Nachkriegszeit, in der der Vater zunächst nicht entnazifiziert wurde, das erste Erwachen der Liebe, ihre Durchsetzungskraft, ihr Glaube an die Welt der Puppen – das wird sehr einfühlsam, leicht und doch mit Tiefe erzählt. 

Hatü ist sicher: Marionetten können die Zuschauer in andere Welten führen, denn „Der Herzfaden, hat sie die Stimme ihres Vaters im Ohr, ist der wichtigste Faden einer Marionette. Er macht uns glauben, sie sei lebendig, denn er ist am Herzen der Zuschauer festgemacht.“

Ein interessanter und spannender Einblick in die Welt der Marionetten in einem sehr schön aufgemachten Buch: Druck der beiden Erzählstränge in zwei Farben wie bei Michael Endes Unendlicher Geschichte, dazu schöne Zeichnungen von Matthias Beckmann ganz im Stil der Augsburger Puppenkiste.

 

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Empfehlung 2021

 

{#Evers} Horst Evers: Wer alles weiß, hat keine Ahnung

Und wieder ist ein netter Erzählband mit Alltagsgeschichten des Autors erschienen. Mit viel Witz und Selbstironie erzählt er aus „seinem Leben“. Es sind verrückte Geschichten, die übertrieben sind, um auf das Eigentliche, das dahintersteckt, aufmerksam zu machen.

Die Episoden „Mein Leben in 13 Berufen“ ziehen sich durch sein ganzes Leben, beginnend in seiner Jugend in der Nähe des Dümmer: in der Hähnchenschlachterei, wo er nach 2 Stunden der Hölle entkommt,

in der Landmaschinenwerkstatt, wo er nichts als Dinge festhalten lernt, beim Lokaljournalisten, wo sein Bericht über einen 100jährigen im Fiasko endet, beim Kirchenblatt, in dem er für die evangelische Kirche eine Beichte mit mehr Spannung und Risiko ins Gespräch bringt.

Auch sein Familienleben in Berlin wird auf die Schippe genommen, den Titel des Buches hat er von seiner Tochter, die ihn daran erinnert, dass er diesen netten Spruch von seinem Lehrer früher häufig zitiert hat.

Ein erfrischend fröhliches und positives Buch, das man gerade in Corona-Zeiten besonders gern in die Hand nimmt. Und wir, die wir meinen über das Internet immer bestens informiert zu sein, sollten uns nicht in die Irre führen lassen, denn: „Wer alles weiß, hat keine Ahnung“.

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Empfehlung 2021

{#Dirigentin 2}Maria Peters: Die Dirigentin

Dieser Roman schildert das Leben der ersten Dirigentin auf den Bühnen der Welt: Antonia Brico. Ich hatte den Namen noch nie vorher gehört und war sehr gespannt, mehr über das Leben dieser Frau zu erfahren.

Der Roman gliedert sich in ganz viele kurze Kapitel und liest sich problemlos in einem Zug. Antonia Brico ist eine Frau, die nur für die Musik lebt und sich gegen alle Widerstände durchsetzt. Es ist schon amüsant, wie sie es schafft, von den bekanntesten Künstlern wahrgenommen zu werden, dafür riskiert sie sogar ihren Job. Auch von feindseligen, frauenfeindlichen und ablehnenden Haltungen lässt sie sich nicht kleinkriegen. Sie geht unerschütterlich ihren Weg.

Antonia wächst in einem sehr einfachen New Yorker Viertel auf. Immer im Clinch mit ihrer Mutter, der sie alles Geld, das sie verdient, abgeben muss und einem Vater, der Antonia gern unterstützen möchte, aber gegen seine Frau nicht ankommt, hat sie nicht gerade die besten Voraussetzungen ihr Ziel - Dirigentin zu werden - zu verwirklichen.

Doch eine Reise nach Europa zu ihren Wurzeln bringt sie ihrem Ziel – wenn auch auf sehr steinigen Pfaden – näher.

Ein netter Roman, der das Musikleben der 20er und 30er Jahre in New York, Amsterdam und Berlin lebendig werden lässt. Allerdings darf man von dem Roman keine tiefgreifenden musikalischen Einblicke in das Leben eines Dirigenten erwarten.

Und gibt es auch als Film in der Ausleihe in der Bibliothek !

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Empfehlung 2021

{#Buchspazierer} Carsten Henn: Der Buchspazierer

Als ich den Titel des Romans gesehen habe, dachte ich, den muss ich gleich lesen.

Der Buchspazierer ist ein 72jähriger Buchhändler Carl, der nach Ladenschluss besonderen Kunden ihre bestellten Bücher vorbeibringt. Mit viel Liebe packt er die Bücher ein und hat für jeden Kunden ein gutes Wort, doch die Beziehung zwischen ihm und seinen Kunden bleibt freundlich distanziert. Das ändert sich von einem Tag auf den anderen, als Schascha in sein Leben tritt, ein neunjähriges Mädchen. Sie begleitet ihn auf seinen abendlichen Gängen und lässt sich auch von seiner Einsilbigkeit nicht abwimmeln.

Schascha schaut genauer in die Augen der Kunden und schafft es, dass alle sie ins Haus lassen und offener werden. Sie weiß, was jeder wirklich benötigt und bringt jedem das Buch mit, das seine Augen aufleuchten lässt. 

Carl und Schascha schaffen es, die Probleme aller Kunden zu lösen, nur ihre eigenen verschweigen sie einander. Und plötzlich bleibt Schascha von einem Tag auf den anderen weg…

Das Buch ist schnell auf der Spiegel-Bestseller-Liste gelandet, die Kritiken überschlagen sich vor Begeisterung.

Ich habe keinen richtigen Zugang zu dem Buch gefunden. Schascha ist mir viel zu altklug, als dass sie mir sympathisch sein könnte. Die Figur der Besitzerin der Buchhandlung wird extrem einseitig gezeichnet. Und dass sich alle Probleme am Ende letztendlich durch Schascha lösen lassen, ist völlig unrealistisch.

Bei aller Kritik ist der Roman bereitet der Roman sicher vielen Leser*innen einige unterhaltsame Stunden.

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Empfehlung 2021

{#Schule am Meer}Sandra Lüpkes: Die Schule am Meer

Zu Beginn des neuen Jahres möchte ich Ihnen dieses Buch als mein Highlight des Jahres 2020 vorstellen: 

Die Autorin ist auf der Insel Juist aufgewachsen und hat neben einer Reihe Krimis, die auf Juist spielen, diesmal einen historischen Roman geschrieben. Im vorliegenden Buch geht es um die Geschichte der „Schule am Meer“, eine private Schule mit Internat, die 1925 von dem Reformpädagogen Martin Luserke mit seiner Ehefrau Annemarie und seinen Kollegen Helene und Rudolf Aeschlimann, Christel und Fritz Hafner, Paul und Anni Reiner ins Leben gerufen wurde.

Hier werden Kinder - vorrangig aus dem Großbürgertum -  nach reformpädagogischen Grundsätzen unterrichtet. Auf dem Stundenplan stehen Musik, Sport, Handwerk - eine naturorientierte und ganzheitliche Erziehung im Sinne der Landschulheimbewegung von Hermann Lietz und der Anthroposophie Rudolf Steiners.

Auch Eduard Zuckmayer, der Bruders des bekannten Schriftstellers Carl Zuckmayer, unterrichtet hier.

Sandra Lüpkes lässt das Leben und die Gefühlswelt der Lehrer und der Schüler im Roman lebendig werden, geschickt eingebaut wird auch die eher ablehnende Haltung der Inselbewohner, die die Schule als ein Zentrum des Kommunismus und des Judentums ansehen. Der immer stärker werdende Nationalsozialismus und Antisemitismus dieser Zeit spiegelt sich deutlich in der fiktiven Figur des Gemeindedieners Gustav Wenninger wider.

1933 versucht Martin Luserke sich zur Rettung der Schule mit den neuen Machthabern zu arrangieren. 1934 muss die Schule am Meer jedoch endgültig schließen.

Die Figur des Martin Luserke hinterlässt beim Leser ein sehr gespaltenes Bild, während die jüdische Lehrerin Anni Hafner unsere ganze Sympathie hat, ebenso der Schüler „Moskito“, der sich vom  schüchternen und unsicheren Junge zu einem intelligenten und selbstsichern jungen Mann entwickelt.

Man spürt im Roman die Liebe der Autorin zu Juist, sie kennt sich bestens aus und kann so eine wunderbare Geschichte aus einer Mischung von Tatsachen und Fiktion erzählen.

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